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Thema: Die Standortwahl der Pyramiden aus der 4. und 5. Dynastie in Gizeh, Abusir, Abu Roasch, und Zaujet el-Aryan (Teil1)
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Die Schlußbetrachtung

Eines der größten Probleme bei dem Versuch die Pyramiden und deren Sinn zu erklären ist, daß wir Theorien den Pyramiden anpassen müssen und nicht umgekehrt. Diese banale Feststellung gilt für die beiden vorgestellten und natürlich erst recht für eigene Hypothesen. Geben aber beide Autoren in Ihren Hypothesen direkte Antworten auf folgende wichtige Frage: Gab es einen Bauplan, welcher die Standorte und das Aussehen bestimmter Pyramiden festlegte, um Linien als Verweise oder komplexere Strukturen wie Standortmuster überhaupt zu ermöglichen? In den vorangegangenen Seiten wurde der Inhalt der beiden Hypothesen vorgestellt. Dabei tauchten anfangs immer wieder drei Annahmen auf, die als Voraussetzung galten, um eine Plattform für den theoretischen Bauablauf zu bilden. Die Voraussetzungen sind nur deshalb Annahmen, weil durch neue Grabungserkenntnisse bzw. -fundstücke, selbst das als gesichert geltende Fachwissen über die Pyramiden ständig ergänzt oder sogar revidiert werden muß. Als bestes Beispiel sei hier der südliche "Luftschacht" der Königinnenkammer genannt. Lange Zeit wurde diese Kammer als aufgegebenes Bauprojekt bezeichnet, bis der kleine Roboter "UPUAUT" den erwähnten südlichen Schacht befuhr. Durch das sensationelle "Ende" des Schachtes in Form einer Kalksteinplatte mit metallenen Haken, ging folgende, weitere Entdeckung fast unbemerkt unter. Das "Schachtende" befand sich immerhin in der Bauhöhe der Kammerdecke der sog. Königskammer, welche über der Königinnenkammer angeordnet ist. Wenn also die Königinnenkammer aufgegeben worden war, warum baute man den Schacht noch weiter? Dadurch wurde Borchardts Theorie der drei Bauphasen (1) an der Cheops-Pyramide endgültig entkräftet. Doch kehren wir zu der ersten Annahme auf den bisherigen FORUM-Seiten zurück. Sie lautet: Es gilt die z.Z. anerkannte Baureihenfolge, gewonnen aus den Regierungsdaten der betreffenden Könige. Bewußt wurde auf diesen Punkt bei den jeweiligen Resümees nicht eingegangen, da hieraus für beide Hypothesen ein neues Problem erwächst. Pyramiden gelten in der Fachwelt als Gräber, welche von den Königen zu Lebzeiten in Auftrag gegeben, nacheinander errichtet und nach dem Tode des Königs durch diesen benutzt wurden. Die Lebens- bzw. Regierungsdauer bestimmt also die Baureihenfolge. Für Gizeh ergäbe sich folgendes Bild: Zuerst wurde die Grabpyramide für König Cheops, dann die für Chephren und zuletzt die für Mykerinos errichtet. Die o.g. Baureihenfolge ist jedoch nicht ganz vollständig, denn König Cheops´ ältester Sohn war Djedefre und nicht Chephren. Als ältester Sohn baute er aber seine Pyramide in Abu Roasch, obwohl noch Platz in Gizeh zur Verfügung gestanden haben müßte (Annahme 2)! Gleiches gilt sinngemäß für den wahrscheinlich kurzzeitigen Nachfolger Chephren´s, König Baka. Auch er baute nicht an der vermeintlich freien Stelle in Gizeh, an der später König Mykerinos seine Pyramide errichten ließ. Die noch spärlich erforschte Pyramidenausschachtung des Baka befindet sich ca. 8 km südlich von Gizeh nahe dem heutigen Ort Zaujet el-Aryan. Die Nachfolgeverhältnisse der betreffenden drei Könige aus der 5. Dynastie, welche ihre Pyramiden in Abusir errichten ließen, gleichen denen der 4. Dynastie. Lediglich König Neferirkare ist direkter Nachfolger Sahures. Zwischen Neferirkare und Neferrefre ordnet sich aber Schepseskare ein, dessen Pyramidenrest zwischen Abu Gurob und Abusir vermutet, jedoch namentlich nicht bezeugt ist und damit nicht sicher zugeordnet werden kann. Auch hier lautet die Frage: Warum wählte er nicht den noch freien Bauplatz von König Neferrefre? Die Fachwelt besitzt z.Z. keine schlüssige Erklärung für diesen Standortwechsel (2) . Das bedeutet m.E. für die Erste der beiden vorgestellten Hypothesen (nach Verner), daß bei einem Wechsel der Pyramidenstandorte und einer angestrebten Verbindung der Gizeh-Pyramiden mit Heliopolis mittels einer gedachten Linie, ein zumindest konzeptioneller Bauplan vorhanden gewesen sein müßte. Dieser enthielt wenigstens zwei markierte Pyramidenecken und das Kultzentrum selbst (Obelisk). Vorraussetzung für dieses Baukonzept ist, daß die Tempelstadt älter als die Pyramiden war und so als Fixpunkt diente (Annahme3). Ein Konzept war um so notwendiger, wenn man bedenkt, daß u.U. an einem pyramidalem Bauwerk mehrere leitende Baumeister tätig waren (3), die dann alle weiteren Bauten nur an dieser Linie auszurichten hätten, aber es dennoch bei der Pyramide des Chephren oder Mykerinos nicht taten. Bauvals Theorie gibt leider ebenfalls keine direkte Antwort auf die o.g. Problematik der Baureihenfolge. Bei dem Thema Standortbestimmung bzw. -wechsel von den behandelten Pyramiden hingegen, gibt er mit seiner Theorie einen m.E. plausibleren, leider auch keinen direkten Lösungsvorschlag ab. Plausibel deshalb, weil die Standortwahl von dem nachzubildenden Sternbild bestimmt wurde. Das könnte erklären, warum Pyramiden von bestimmten königlichen Nachfolgern in anderen Gebieten errichtet wurden, obwohl noch Platz in Gizeh und Abusir vorhanden war. Warum? Weil sie einem großen übergeordneten Bauplan folgen mußten, welcher den neuen Standort vorgab! Das Volumen und somit die sichtbare Größe dieser Bauwerke in Gizeh, bestimmten nicht die Regierungsjahre der Könige (4) , sondern wiederum der Gesamtbauplan. Dieser legte genau fest welches sichtbare Erscheinungsbild (Größe bzw. Volumen) die Pyramiden in Gizeh besaßen. Ob dabei durch die Baumeister genaue Verhältnisse in Bezug auf Sternhelligkeit zur Höhe, Volumen und Umfang oder die Entfernungen zwischen den Sternen als Maßstab zwischen den Pyramiden dienten, muß vorerst offen bleiben, da an bestimmten Pyramiden nachträglich auch verschiedene Bauarbeiten ausgeführt wurden und damit das ursprüngliche Aussehen verändert wurde (5)!

Das Allerletzte...

...als ich mich mit diesen beiden unterschiedlich entstandenen Hypothesen auseinandersetzte, ahnte ich noch nicht, daß beide eine verblüffende Gemeinsamkeit verband, nämlich Iunu. Bildet man eine Linie, ausgehend vom Stern Mintaka über Alnilam und verlängert diese über Alnitak hinaus, stößt man unweigerlich auf den Stern Sirius. Für mich ergaben sich faszinierende Fragen: Was wäre, wenn das Kultzentrum Iunu den Stern Sirius darstellen sollte? War das Zufall? Hatte das selbst Bauval bedacht? Betrachtungen zu dem Thema: Die Zuordnung von Pyramiden zu den jeweiligen Herrschern, sollen im nächsten FORUM eine zentrale Rolle spielen, wenn Sie mögen.

 

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(1) L. Borchardt: Zur Geschichte der Pyramiden, in Zeitschr. für Ägypt. Sprache und Altertumskunde, Leipzig, Berlin Nr. 30, 1892, S. 104.

(2) Vorschläge der Fachwelt sind: kultische Motive (Welche?), Wechsel der königlichen Residenz (Warum?), Familienzwist (Möglich; könnte m.E. nur eine Rolle bei einer Co-Regentschaft spielen).

(3) z.B. wirkten folgende Baumeister an der Cheops-Pyramide mit: Hem-iun und ein unbekannter Prinz (R. Stadelmann: Die großen Pyramiden von Giza, S.271).

(4)Richard Lepsius, großer deutscher Pyramidenforscher des letzten Jahrhunderts, vertrat die Ansicht, daß die Größe der Pyramiden abhängig von den Regierungsjahren eines Königs war. Pepi 2., König aus der 6. Dynastie mit 65 Regierungsjahre, müßte demnach mit seiner Pyramide die von König Cheops (ca. 40 Regierungsjahre) weit übertroffen haben, was aber nicht zutrifft.

(5) Als Beispiele seien die Mykerinos- und Unas-Pyramide genannt, an deren Nord- und Südwand Inschriften von Chaemwaset einem Sohn Ramses 2. eingemeißelt sind , der umfangreiche Restaurationen durchführen ließ. Aber auch Baufortführungen durch jeweilige Nachfolger (so die Fachwelt), zählen dazu.